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(M)ein Engel auf vier Pfoten - 23.12.2020


Die DSH-Nothilfe Vermittlungs-und Gnadenhunde wünschen zusammen mit dem DSHN Team allen unseren Unterstützern
Frohe und besinnliche Weihnachten
und einen
Guten Rutsch in ein gesundes und erfolgreiches Jahr 2021

Wir möchten für Ihre/ Eure Treue, für das uns entgegengebrachte Vertrauen und die Hilfsbereitschaft von ganzem Herzen danken.
Ohne Ihre/ Eure Unterstützung, Ihre/ Eure Hilfe und Ihr/ Euer Vertrauen wäre unser Ehrenamt nicht möglich.
Wir wünschen allen Schäferhunden und allen anderen Tieren, die sehnsüchtig auf ihre Menschen warten, ein gutes neues Daheim.
Die Buchautorin und unser DSH-Nothilfe Mitglied Diana Hausmann hat auch in diesem Jahr wieder eine Weihnachtsgeschichte nur für unseren Verein geschrieben (vielen Dank Diana ♥).
Wir wünschen Euch/ Ihnen viel Freude beim lesen: 

 

„Nicht schon wieder!“ Ich seufze bereits, als ich in der Tür stehe. Frustriert lasse ich den Schlüssel fallen, gefolgt von meiner Handtasche und der Einkaufstüte. Die Tränen rinnen mir übers Gesicht und innerlich zerreißt es mir das Herz.

Noch eine Woche Schonfrist hat mir der Vermieter gegeben. Und jetzt das! Barnaby steht schwanzwedelnd vor mir. Im Maul erkenne ich ein Stück meiner Tapete. Unzählige Fetzen liegen hinter ihm
Sie überziehen den Flurboden nahezu wie einen Teppich. Ob er mir damit wohl eine Freude machen wollte? Schließlich war es der Flurteppich, den er vor zwei Tagen zunichtegemacht hat, vorweg mit diversen Pipi- und Häufchen-Flecken verziert.
Barnaby kam im Alter von 10 Wochen ins Tierheim. Er war einer von 5 Welpen. Und da die Kleinen nicht von einem Züchter, sondern von einem zufällig ergebenen Wurf zweier benachbarter Schäferhunde stammen, war scheinbar niemand wirklich scharf auf den Nachwuchs. Bestimmt waren die Minis dem Besitzer der Hundedame einfach nur lästig.

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Ich bin mit Hunden aufgewachsen und dachte, das mit dem Eingewöhnen, Stubenreinwerden und Alleinbleiben, bekäme ich in den 3 Wochen Urlaub, die ich im September eigens dafür eingeplant habe, locker hin. Jetzt ist der Urlaub seit 4 Wochen vorbei und ich stehe jeden Abend, wenn ich meine Wohnung betrete, vor einem Chaos. Obendrein hat sich der extra angeheuerte Gassi-Service nach gerade einmal 10 Tagen mit der Ansage: „Sorry, aber meine anderen Hunde vertragen sich mit dem Kleinen nicht!“, verabschiedet. Und vergangenen Montag, ein Tag, an dem Barnaby es besonders kreativ mit dem Verschönern meiner Einrichtung gemeint hat, stand plötzlich der Vermieter hinter mir. Genau zu dem Zeitpunkt, als ich die Tür aufgeschlossen und wie jetzt gerade, auf ein schlachtfeldgleiches Durcheinander geblickt habe. Der Schrei von Herrn Köllers höre ich immer noch.

Schniefend schiebe ich meinen euphorisch freuenden und mal wieder vor Aufregung pullernden Pelzknäuel in die Wohnung zurück und drücke die Tür hinter mir ins Schloss. Mit dem Rücken gegen die kahle Wand gelehnt, sinke ich zu Boden. Sofort hüpft mir mein Wirbelwind auf den Schoß und schlabbert mir seine warme Zunge übers Gesicht. Ob er Tränen wohl mag? Immerhin habe ich recht viel davon vergossen, in den letzten Tagen - abends - und nachts auch oft. Und morgens, wenn ich wegen dauerndem Gassi gehen und Pfützen beseitigen, kein Auge zugemacht habe.

Während der letzten Runde für heute benimmt Barnaby sich, als sei ihm alles, was ich ihm bisher versucht habe anzutrainieren, abhandengekommen. Jeder Grashalm wird angekläfft, Häufen und Pipi werden bereits im Treppenhaus verteilt, noch bevor ich die Haustür mit ihm erreiche. Dazu wird jedes auf dem Boden klebende Kaugummi im Vorbeigehen verschluckt. Zu guter Letzt kotzt er die Reste seines Futters bei Herrn Köller auf den Fußabstreifer und die vor der Wohnungstür stehenden Hauslatschen. Wenigstens steckten die Socken vom Besitzer heute nicht drin. Wenn ich Glück habe, bemerkt es der Hausherr nicht, dass ich alles rasch sauber gemacht habe.
Viertel nach eins in der Nacht höre ich, wie Barnaby mit den Pfoten auf dem Boden kratzt. Dann kläfft er plötzlich, hüpft aufgeregt hin und her und beginnt erneut wie besessen den kahlen Flur zu bearbeiten. Mit einem Satz bin ich aus den Federn.
„Schhhht, Barnaby - aus! Lass das! Aus!!!“
Keine Chance. Mein Versuch, ihn zu beruhigen, prallt an ihm ab, wie das Zerplatzen auftreffender Seifenblasen. Selbst als ich hin anhebe und seine Pfoten den Boden nicht mehr berühren, scharrt, fiept und kläfft er weiter. Wie besessen tobt er um sich, bis er völlig außer sich für einen kurzen Moment nach Luft japst.

„Schhht! Barnaby, was war das?“

Schlagartig ist er still. Schwanzwedelnd hängt er in meinen Armen - ansonsten ist Ruhe. Wir stehen da und lauschen mit gespitzten Ohren ins Dunkle. Sekunden später rase ich los, mit Barnaby auf dem Arm. Die Wohnung raus, die Stufen hinunter ins Erdgeschoß und hämmere wie wild auf die Tür zu Herrn Köllers Wohnung ein. Dann horche ich erneut. Es dauert etwas, bis mir einfällt, dass mein Vermieter immer einen Ersatzschlüssel in einem verborgenen Eck unter der Kellertreppe versteckt hat. Als ich endlich in die Wohnung gelange, finde ich Herr Köller völlig verkrampft auf dem Boden in seinem Wohnzimmer.

In den nächsten Minuten kommt es mir vor, als verfolge ich eine Filmszene. Seltsam ist nur, dass ich dabei mitspiele! Notruf - warten und hoffen - dann endlich das Eintreffen des Krankenwagens. Die ganze Zeit über liegt Barnaby dicht neben Herrn Köller und leckt sachte seine Hand.

Aufmunternd nickt mir der Notarzt zu, bevor er zu meinem Vermieter ins Rettungsfahrzeug steigt. Zuvor hatte ich Bruchstücke wie ‚Schlaganfall‘ und ‚In allerletzter Sekunde’ aufgeschnappt, während ich mit Barnaby im Arm nahezu erstarrt verfolgt habe, wie der Mediziner und die Sanitäter um das Leben von Herrn Köller kämpften. Wir stehen noch da, als der Krankenwagen bereits nicht mehr zu sehen ist. An den Rest der Nacht erinnere ich mich nicht. Nur, dass ich mit Barnaby zusammen auf seinem Hundebettchen gelegen habe. Die Nähe des kleinen, wärmenden Wollknäuels und sein ruhiges Auf und Ab beim Atmen vollbrachten es, dass sich meine kreisenden Gedanken beruhigten und ich einschlafen konnte.
„Willkommen Zuhause!“, trällere ich verlegen. Gleichzeitig beobachte ich aus den Augenwinkeln, dass Barnaby die auf dem Fußabstreifer abgestellten Schuhe unseres Vermieters anpeilt und vor Begeisterung jault. Ich schaffe es gerade noch, ihn zurückzuziehen.
Mit einer großen Box voll selbstgebackener Weihnachtsplätzchen in der einen und Barnabys Leine in der anderen Hand, stehe ich im Erdgeschoß in der offenen Wohnungstür vor Herrn Köller. Es ist das dritte Adventswochenende. Erst gestern war mein Vermieter von einem Taxi nach Hause gebracht worden. Zwei Wochen Krankenhaus und weitere vier Wochen Rehaklinik liegen hinter ihm. Den Versuch, ihn ihm Krankenhaus zu besuchen, wurde an der Information mit der Mitteilung „Der Patient wünscht keinen Besuch“, abgeschmettert. Somit stehen wir uns heute zum ersten Mal nach der schrecklichen Nacht gegenüber.

Herr Köller schnappt nach Luft, um etwas zu sagen, stockt dann aber. Seine Hände krallen sich fest um die Griffe des Rollators, der zwischen uns steht. Seine Lippen beben, als er auf den schwanzwedelnden Barnaby schaut und mir dann mit dem Kopf andeutet, dass ich ihm in die Wohnung folgen soll.

„Barnaby ist jetzt stubenrein“, erkläre ich eilig. „Und die Wohnung ist in tadellosem Zustand: frische Tapete, neuer Teppich - alles tipptopp!“ Sachte sinke ich im Wohnzimmer auf den Sessel, den mir mein Vermieter noch immer wortlos anbietet.

Herr Köller mustert mich, während ich die mitgebrachte Box auf den Tisch neben mir platziere und den Deckel abnehme. Mit einem Nicken bedankt er sich. Dann richtet sich sein Blick auf Barnaby.
„Wussten Sie, dass ich Ihnen die Zusage für eine Tierhaltung im Haus einzig wegen der Anmerkung ‚einen kleinen Hund‘ erlaubt habe?“, beginnt er plötzlich. „Ich dachte an eine kleine Rasse und nicht an einen Welpen!“ Mit geneigtem Kopf schaut er mich an. „Dabei hatte ich selbst über vierzig Jahre lang Schäferhunde. Ich bin mit ihnen aufgewachsen und hatte immer welche. Sogar noch, als ich geheiratet habe und unser Junge geboren wurde.“

Meine Überraschung, über seine bisher nie erwähnte Familie, scheint mir ins Gesicht geschrieben zu sein. Denn Herr Köller schnaubt leise und nickt.

„Roco, mein Letzter, ein schwarzer Langhaar-Schäferhund, war gerade erst zwei Jahre alt, als wir das Haus hier gekauft haben und eingezogen sind. Mein Sohn Tobi war neun. Roco war ein sehr lebendiger Bursche“, erzählt er mit verträumter Miene. „Am Anfang hat er den halben Garten umgegraben und wegen der neuen Umgebung oft geheult, sobald wir ihn allein lassen mussten.“ Beiläufig streicht er Barnaby übers Fell, der neben ihm sitzt und nun die Schnauze auf sein Bein legt. „Zwei Monate später hat Tobi unseren Roco röchelnd und mit Schaum vorm Mund im Garten gefunden. Leider haben wir es zu spät bemerkt, dass Tobi den Giftköder, den jemand über den Zaun geworfen haben muss, in die Hand genommen hat. Er ...“ Herr Köller schaut zur Seite und schluckt. „Er hat das Gift von den Fingern in den Mund bekommen und ...“ Sachte schüttelt er den Kopf. „An dem Unglück ist unsere Ehe zerbrochen.“

Eine ganze Weile ist es still. Ich bin hin- und hergerissen zwischen Mitgefühl und der schrecklichen Vorahnung, mit Barnaby hier nicht länger wohnen zu können. Sind Herrn Köllers Erinnerungen an seinen Schäferhund womöglich mit so viel Leid verbunden, dass er keinen weiteren mehr in seiner Nähe haben will?

„Ich ...“, stakse ich.

„Nein!“ Herr Köllers schaut ruckartig auf und schüttelt den Kopf. „Das muss es nicht.“ Lächelnd beugt er sich Barnaby zu und krault ihn mit beiden Händen hinter den Ohren. „Im Krankenhaus haben sie gesagt, dass du mich gerettet hast!“, spricht er zu ihm und Barnaby kläfft einmal laut.
In dieser Sekunde sprudeln die Ereignisse jener Nacht wie von selbst aus mir heraus. Sämtliche Einzelheit und haargenau, wie es sich ergab, dass ich ihn finden konnte.

„Was meinst du“, richtet Herr Köller sich anschließend wieder an Barnaby. „Ob dein Frauchen damit einverstanden ist, dass du hier auf mich aufpasst, solange sie arbeitet? Dann können wir gemeinsam das Haus bewachen und keiner von uns ist allein!“

Ich spüre, wie sich ein Kloß in meiner Kehle ausbreitet, daher nicke ich nur.

„Und vielleicht habt ihr zwei ja auch Zeit und Lust“, tuschelt der Barnaby gut verständlich zu, „an Weihnachten auf einen Glühwein reinzuschauen.“ Mit einem Augenzwinkern schaut er auf. „Den mache ich nämlich selbst und in Gesellschaft schmeckt der besonders gut!“

 

 
Deutscher Schäferhund Nothilfe e.V.
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