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Monty- nur ein Schäferhund - 22.12.2015


Diana Hausmann, Schriftstellerin und DSHN Mitglied, hat der DSH-Nothilfe zu Weihnachten eine kleine Geschichte geschrieben.
Wir bedanken uns ganz ♥-lich bei Diana und wünschen Ihnen viel Spaß beim Lesen.



Monty

„Was hast du gesagt, wie lange die Kleine da schon hockt?“

„Seit drei Stunden!“ Tanja sieht sich zu ihrer Kollegin um und verdreht genervt die Augen. „Und wenn das so geht, wie die letzten Sonntage“, stöhnt sie erschöpft, „wird sie noch weitere zwei Stunden in den Zwinger glotzen. Dafür dürfen wir uns die ganze Zeit über das Gekläffe anhören.“

Während Tanja sich abwendet, um ihre alltägliche Arbeit im ansässigen Tierheim wieder aufzunehmen, steht ihre Kollegin noch einen Augenblick lang da und schaut gedankenversunken zu dem am äußeren Ende des Geländes befindlichen Zwingers hin.

„Warum macht die das?“, murmelt sie leise zu sich selbst. „Ausgerechnet bei diesem abartigen Vieh!“

Chrisi trat vor knapp zwei Wochen erst ihre Stelle als Pflegerin in diesem Tierheim an. Doch eines hat sie sehr schnell kapiert: Der Schäferhund-Rüde, der in eben dieser Box ganz außen sein Dasein bestreitet, ist schlichtweg unberechenbar. Mit dieser Einstellung ist Chrisi nicht allein. Der komplette Angestelltenstab samt ehrenamtliche Helfer, haben es inzwischen aufgegeben, sich an dieses Monster in Hundefell vorzutasten, geschweige um sein Vertrauen zu buhlen. Bisher wurde noch jeder mit Gebell und fletschenden Zähnen begrüßt. Dazu fällt er jeden an und beißt alles, was sich nicht schnell genug in Sicherheit bringen kann. Die Kollegen knobeln morgens sogar, wer die anstehende Fütterung übernehmen darf. Freiwillig erledigt diesen Dienst, trotz zeitweises Wegsperren des vierbeinigen Insassen, nämlich keiner.

„Also entweder ist Monty heute heiser, oder sein Sturmpegel hat sich auf die nächst tiefere Stufe gesenkt.“

Chrisi wirbelt erschrocken herum, als sie die männliche Stimme ihres Kollegen Tom hinter sich hört.

„Kennst du die Geschichte von Monty?“, erkundigt sich Tom, ohne auf Chrisis Aufjapsen einzugehen. „Den Namen habe ich ihm gegeben“, fährt er ungerührt fort. „Mont ist französisch und bedeutet Berg. Außerdem ist es die Kurzform von Montgomery, was Vom Schloss des Wohlhabenden bedeutet.“ Beiläufig zeigt Tom mit der Hand auf das sich vor ihnen ausbreitende Tierheimgelände, welches an ein Privatgrundstück grenzt, das in adligem Besitz sein soll. „Da oben haben wir ihn gefunden. Drei Tage und Nächte lang haben wir nur sein Gejaule gehört. Wir sind stundenlang durch den Wald gelatscht, bis wir ihn endlich angekettet und völlig verwahrlost im Gestrüpp gefunden haben. Ihn einzufangen war eine riesen Tortur.“ Tom winkt belanglos ab. „Aber solche Aktionen sind wir schließlich gewohnt.“ 

„Wann war das?“, erkundigt Chrisi sich interessiert.

„Vor zwei Jahren“, seufzt Tom. „Es jährt sich am Heiligen Abend.“ Sein Blick geht zum Zwinger hinüber. Die staunend aufgerissenen Augen seiner neuen Kollegin übergeht er absichtlich. Sie wird ihre Erfahrungen schon noch sammeln, wie alle Frischlinge.

„Und die da?“ Chrisis Wink geht in die gleiche Richtung, wobei sie statt den Schäferhund aber die dünne junge Frau meint, die unverändert reglos vorm Käfig auf dem Boden sitzt und wie apathisch an Monty vorbei, ins Innere des Zwingers starrt.

„Die ist auch vom Berg!“, behauptet Tom und grinst. „Ihre Eltern haben das Anwesen im vergangenen Winter gekauft. Das weiß ich von ihrem Vater, als er im Sommer mit der Kleinen hier aufgetaucht ist, um zu fragen, ob sie an den Sonntagen mit einem der Hunde Gassi gehen dürfte.“

Chrisi lacht spottend auf. „Nach Gassi gehen sieht das aber nicht aus!“

„Die Kleine kommt seit vier Monaten hierher“, erklärt Tom ernst. „Jeden Sonntag verbringt sie mindestens 3 Stunden vor Montys Box, meist noch länger. Während der ersten Male hat er pausenlos gebellt und getobt. Wir sind schier wahnsinnig geworden, so hat er durch sein Getue hier alles in Aufruhr versetzt!“ Allein bei dem Gedanken daran stellen sich Tom die Nackenhaare. „Nach ein paar Wochen hat Monty wohl angefangen seine Zuschauerin zu ignorieren. Nach der ersten Stunde ging sein Kläffen dann in ein Dauergrollen über, dazu hat er sich nicht mehr permanent gegen sie Stäbe geschmissen. Und wie du siehst …“, schmunzelnd deutet Tom zum Zwinger hinüber, „heute bricht er nur noch los, sobald sich in der näheren Umgebung etwas tut. Dass die Kleine da sitzt scheint ihn nicht mehr zu beunruhigen.“ Chrisi schaut sich verwundert zu ihrem Kollegen um, da ihr sein veränderter Ton auffällt. Tom steht mit den Fäusten in die Hüfte gestemmt da und lächelt verträumt. „Warte‘s nur ab!“, raunt er plötzlich. „Ich wette, es dauert nicht mehr lang. In ein paar Tagen ist Weihnachten und irgendetwas sagt mir, dass Monty am Heiligen Abend Besuch bekommt und wir anschließend endlich erfahren, wie sich sein Fell anfühlt.“

Chrisi überläuft eine Gänsehaut bei Toms Worte. „Du meinst, die Kleine hat gesagt, dass sie den Bär vom Berg anfassen will?“, entweicht es schrill aus ihrer Kehle. „Ohne Schutz und freiwillig? Das ist doch unglaublich!“

Tom schaut sich mit sanfter Miene zu seiner jungen Kollegin um. Während seiner 10-jährigen Arbeit in diesem Tierheim, ist ihm schon viel untergekommen, was die Bezeichnung Unglaublich verdient. Die schönsten Märchen diverser Tierbesitzer, weshalb sie ihre einst geliebten Mitbewohner nicht länger bei sich behalten können. Dazu die grauenhaften Bilder, die sich jedes Mal in sein Gedächtnis einbrennen, wenn er vom Amt oder der Polizei gerufen wird, um ein völlig verstörtes und misshandeltes Geschöpf von seinem angeblich unschuldigen Herrchen zu befreien. Aber so etwas, wie dort drüben mit Monty …

„Ich habe keine Ahnung, was Monty und die junge Frau sich zu erzählen haben, oder wie sie sich verständigen. Doch was es auch ist“, redet er leise lächelnd weiter. „Bei diese beiden da drüben, hoffe ich ganz fest auf den Zauber von Weihnachten. Und dies, obgleich es die Kleine zumindest UNS nicht mitteilen wird!“ Toms Augen richten sich völlig klar auf Chrisi. „Das kann sie auch gar nicht, sie ist Taubstumm!“

 
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