Kajtek hatte wohl viele Jahre lang kein schönes Leben.
Er wurde gefunden und ins Tierheim Gorzow (Polen) gebracht.
Dort wurde er wenig später so schwer gebissen, dass er eingeschläfert werden sollte. Wäre Wioleta Tazbir nicht gewesen, die ihn zum Tierarzt brachte und ihn wochenlang täglich verbunden und gepflegt hat, wäre er heute nicht mehr am Leben. Sie war es auch, die seine Aufnahme auf dem Tierschutzhof VierPfoten erwirkte, wo er dann im großen Rudel mitlief.
Sofort schloß er sich eng an Gitta, die Hofherrin und Führerin all dieser Hunde an. Sie war nach Violeta sicher erst der zweite Mensch, der nett zu ihm war. Denn sein ganzes Verhalten ließ darauf schließen, dass er auch geschlagen wurde und eine große Delle über dem rechten Auge lässt vermuten, dass er vielleicht erschlagen werden sollte. Wir vermuten, dass er einer der unzähligen Kettenhunde war, die in Polen ihr Dasein fristen. Vielleicht wurde er zu alt und vielleicht war er zu freundlich, so dass man ihn vor die Tür setzte.
Er, der anfangs gerne jede Katze zerissen hätte, lernte innerhalb von zwei Wochen Katzen zu ignorieren.
Er konnte nichts von dem was ein Hund, der in einem Haushalt lebt, können sollte, doch er brachte den uneingeschränkten Willen zu gefallen und eine große Sehnsucht nach menschlicher Zuneigung mit.
Mit seiner Anhänglichkeit forderte er aber die Eifersucht des ranghöchsten Rüden auf dem Hof heraus. Als dann noch eine alte Hündin läufig wurde, wurde er erneut schwer gebissen und an ein friedliches Zusammenleben der Beiden auf dem Tierschutzhof war nicht mehr zu denken.
Er musste nun schnell einen neuen Platz, möglichst ein Zuhause finden.
Da ich ihn drei Wochen zuvor bei meinem Urlaub bei Gitta kennen gelernt hatte und ich ihn von Anfang an sehr mochte, beschloß ich ihn abzuholen und zu mir zu nehmen.
In der ersten Nacht, in der er in meinem Zimmer schlafen sollte, bestätigten sich meine schlimmsten Befürchtungen: Trennungsangst und das Gefühl eingesperrt zu sein versetzen ihn in derartige Panik, dass er völlig außer sich geriet und nicht zur Ruhe kam. Und das obwohl er mich da bereits gut kannte, da ich mich tagsüber viel mit ihm befasste. Da ich in Teilzeit berufstätig bin, wäre es für ihn übel, nicht alleine bleiben zu können.
Doch ich vertraute darauf, dass er merken würde, dass ich immer wieder zurückkommen würde und natürlich darauf, dass er mich als neue Bezugsperson akzeptieren würde.
Und so kam es auch. Er lernte schnell, wenn er auch bis heute überaus anhänglich geblieben ist. Er lernte auch, bei den Spaziergängen nicht mit dem Kopf an meinem Hosenbein zu kleben, sondern er entdeckte nach und nach seine Nase und schnuppert nun gerne und viel, was er in den ersten Wochen nie getan hat. Er kannte es nicht. Er kannte keine Spaziergänge. Nun hat er, mit seinen schätzungsweise 10-11 Jahren, noch richtig Kondition aufgebaut.
Es ist so schön zu beobachten, wie er seine emotionale Steifheit ablegt und beginnt Freude zu zeigen, so nett, wenn er einen kleinen Galopp einlegt oder lässig trabt.
Nur seine immer wieder kehrenden Alpträume verfolgen ihn noch. Oft fährt er erschrocken oder knurrend aus dem Schlaf hoch. Einige Monate vielleicht noch, dann werden diese Erinnerungen hoffentlich langsam verblassen und Sicherheit und Geborgenheit werden ihn verändern.
Birgit Zach